Zwischen Ess- und Körperschemastörung — wie gesund ist Fitness wirklich?

Hallo ihr Lieben!

Heute mal ein etwas anderer Blogpost, mit einer etwas ungewohnten Message von mir! Denn heute soll es mal  nicht um die Motivation FÜR Fitness und gesunde Ernährung gehen, sondern ich werde das Ganze eher etwas kritisch beleuchten.

Ich trainiere jetzt seit ziemlich genau zwei Jahren im Fitnessstudio und seit etwa 1,5 Jahren beschäftige ich mich mit Ernährung, genauer gesagt mit der „Fitnessernährung“.Letztes Jahr um diese Zeit war ich so unglaublich diszipliniert, habe mein Essen immer getracked, kein Training ausgelassen und keinen Alkohol getrunken. Im Hinblick auf meine damals bevorstehende erste Bühnensaison wollte ich nichts falsch machen und so viel wie möglich aus meiner Form herausholen. Wie einige von euch wissen, war ich zu der Zeit ja in meinem Auslandssemester und ich kann euch sagen: ich war so ziemlich das einzige Wesen, dass da nichts getrunken hat und  jeden Tag zum Sport gerannt ist. Rückblickend frage ich mich schon ab und an, ob ich nicht was verpasst habe in der Zeit, denn so ein Auslandssemester macht man schließlich meist nur ein Mal im Leben.

Nachdem ich meine Wettkampfsaison dieses Frühjahr beendet hatte, ging es für mich in die Offseason. Und gerade zu Anfang kann so eine Offseason eine ganz schöne Herausforderung darstellen, vor allem für den Kopf. Essen, Training, Cardio, der Blick in den Spiegel, Speckrollen die man mühsam wegdiätet hat und die plötzlich wieder da sind, das Leben genießen, seine Form behalten wollen – HILFE… Das ist viel auf einmal und hier auf einen gesunden Weg zu kommen ist nicht einfach.

Zwei Begriffe sind im Titel gefallen: Essstörung und Körperschemastörung. Wenn ich zurückschaue hatte ich nach meiner Wettkampfsaison denke ich Beides, glücklicherweise aber nicht allzu extrem. Beide Wörter klingen ziemlich heftig, deshalb möchte ich kurz erklären was ich damit meine. Ich gehe jetzt einfach mal so weit und sage, dass jedes zwanghafte Essverhalten bereits Züge einer Essstörung hat, und sei es einfach der Gedanke, dass jede Mahlzeit mindestens 21g Protein haben sollte, oder dass man so wenig Öl wie möglich zum Anbraten benutzen sollte. Die Angst vor weißem Mehl und das gedankliche Zusammenrechnen der Kalorien einer Mahlzeit, die man außer Haus isst, all das gehört für mich schon zu einem zwanghaften Essverhalten… Aber ist das nicht genau das was die Fitnessbranche vermittelt? Für mich ist auch IIFYM eine Art einer „Essstörung“, denn wenn man Schokolade abwiegt, ist das jetzt auch nicht gerade nicht zwanghaft… Und sobald du deine Kalorien überschreitest fühlst du dich schlecht, denn du hast ja nur eine gewisse Anzahl an Kalorien „zu Verfügung“.

Natürlich ist gesunde Ernährung mega wichtig und ich bin nach wie vor der Meinung, dass diese zu einem gesunden und fitten Körper das A&O ist. Aber dieses schlechte Gewissen, was sich einem aufzwängt, wenn man sich zu sehr mit seiner Ernährung beschäftigt, da mache ich mir irgendwie Gedanken darüber… Und ich denke auch, dass hier das Problem an der Fitnessszene liegt, denn man rutscht schneller als man denkt in eine gewisse Schiene, wenn sich die Gedanken ständig um die Ernährung drehen. Wenn man sein Essen zu akribisch trackt, dann verliert man meiner Meinung nach den Bezug zu seinem Körpergefühl, was ist Hunger, was ist Sättigungsgefühl. Wieso noch etwas essen, obwohl man satt ist oder hungern wenn einem der Magen knurrt? Um ein Ziel zu erreichen? Welches Ziel? Was ist es dir Wert dieses Ziel zu erreichen? Wieso möchtest du dieses Ziel erreichen? Wer bist du wenn du diese zwei Kilo mehr Muskelmasse oder weniger Fett erreicht hast? Und ist es das wert, dass sich so viele Prozent deines Tages darum drehen, was du wann isst und was passiert, wenn dir am Ende des Tages 30g Protein fehlen und du 40g KH zu viel gegessen hast?

Aus diesem Gedankenschema herauszukommen ist nicht einfach und es ist kein linearer Prozess. Es gibt gute Tage, „normale Tage“ an denen du happy mit dir und allem bist und dann schaust du abends in den Spiegel, entdeckst ein neues Speckfältchen und die ewige Leier im Kopf geht wieder los. Ab morgen wieder tracken, nach dem Training 30 Minuten Cardio, Back on track, Bla Bla… Du warst heute nicht beim Training? Und hast nur 5000 Schritte auf deinem FitBit? Ach du *****, was soll das nur werden? Spätestens morgen wiegst du 5kg mehr! Natürlich totaler Quatsch, aber ich ertappe mich schon ab und zu noch bei solchen Gedankenspiralen, obwohl ich glaube ich inzwischen ein relativ „normales“ Essverhalten entwickelt habe…

Nun noch zur Körperschemastörung, ein weiteres hartes Wort. Von einer Körperschemastörung spricht man, wenn man sich selbst anders wahrnimmt als einen die Menschen um einen herum wahrnehmen. Sehe ich mir heute Bilder von mir in Wettkampfform an denke ich mir nur: Holy S***, du warst wirklich einfach extrem dünn. Wenn mir das Leute damals unter meine Instagrambilder geschrieben haben, hätte ich ausrasten können, denn ich hab mich nicht „dünn“ in dem Sinn gefühlt… Und auch heute würden mich die meisten Leute, die nichts mit Fitness am Hut haben wahrscheinlich als sehr schlank oder immerhin schlank beschreiben, und doch komme ich mir nicht so vor, wenn ich so durch meinen Instagramfeed scrolle und lauter shredded AF Athletinnen sehe. Je mehr man sich mit einer Sache beschäftigt, desto sehr verschiebt sich auch die eigene Wahrnehmung und plötzlich fühlt man sich „fett“, dabei würden sich vermutlich sehr viele Frauen wünschen eine Figur zu haben wie man selbst.

Und hier haben wir nun meiner Meinung das Problem am Fitnesslifestyle, den wir jeden Tag über Social Media verbreiten und mit dem wir versuchen Andere zu motivieren den gleichen Weg zu gehen wie wir, in ein gesünderes, fitteres Leben. Wie gesund ist denn dieser Lifestyle, der uns mit einer Essstörung, einer Körperschemastörung und vielleicht noch mit einer Zwangsstörung zurücklässt? Denn Training schwänzen oder so geht ja mal gar nicht, das predigen wir ja fast sektenartig über Instagram und Co. Ich gebe es ganz offen zu, ich habe die Hashtags wie #teambodylove und #keinsixpackaberhappy und #mehrrealitätaufinstagram eine lange Zeit belächelt und war der Meinung, wenn du deinen Traumkörper erreichen willst, dann schaffst du das auch und wenn nicht, dann fehlt dir halt Disziplin, dein Problem. Autsch. Disziplin ist gut, zu viel Disziplin ist nicht gut. Wenn deine Disziplin deine Fähgkeit der unbeschwerten Glücklichkeit verhindert, dann ist das nicht gut, ganz und gar nicht.

Nur – wie finde ich den Mittelweg? Den Mittelweg aus Fitness, gesunder Ernährung, maßvollem Genuss, Selbstliebe, Ehrgeiz, Disziplin, Unbeschwertheit?

Wenn es hierfür eine Formel gäbe, dann hätten wir vermutlich mehr glückliche Menschen, weniger Krankheiten, weniger Neid und mehr Zufriedenheit auf dieser Welt.

Meine Bitte an euch, wenn ihr das lest: Seid nicht zu streng mit euch, vernachlässigt nicht euer Wohlbefinden auf dem Weg nach „dem Ziel“, egal welches Ziel es ist. Glaubt an euch, vertraut euch, habt Spaß und lasst es auch mal gut sein.

Ich wünsche euch einen schönen ersten Advent!

Eure (gerade etwas nachdenklich gewordene)

Anna

5 Gedanken zu “Zwischen Ess- und Körperschemastörung — wie gesund ist Fitness wirklich?

  1. Hannah schreibt:

    Toller Blogpost, du sprichst mir aus der Seele. Habe genau wie du mal „gute“ Tage und mal schlechte, es ist wirklich schwer, dieses „Brett vor dem Kopf“ loszuwerden. Man entwickelt mit diesem Sport einen ganz anderen Anspruch und der ist bei mir ebenfalls sehr hoch.
    Super, weiter so =)

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